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24.01.2019 Zurück

„Kaskadenartige Seelenmassage“

Von Hans-Jürgen Klesse

 

Vielleicht wird eine Serie daraus: Buzzwords aus der Beraterwelt und was dahintersteckt. In der letzten Kolumne ging es um Agilität, diesmal habe ich mich für Change Management entschieden. Beide Begriffe hängen inhaltlich zusammen: Change heisst Veränderung, Change Management beschreibt also Methoden, wie Veränderung gesteuert werden kann, um bestimmte Ziele zu erreichen. Agilität wiederum bedeutet Beweglichkeit und die Bereitschaft, Veränderungen nicht nur anzunehmen, sondern aktiv an solchen Prozessen mitzuwirken – selbst wenn die eigene Rolle oder Funktion davon betroffen ist.

 

„Leben ist Veränderung“ gehört vermutlich zu den am häufigsten benutzten Plattitüden aus der Sammlung „Zitate für jede Lebenslage“. Mal wird der universell anwendbare Satz dem griechischen Philosophen Heraklit zugeschrieben, mal dem britischen Naturwissenschaftler Charles Darwin. Und bis heute gehört der Satz – im Original oder leicht abgewandelt – zum Standardvokabular in Festansprachen, Parteiprogrammen oder Sonntagspredigten: Das Zitat ist deshalb so beliebt, weil es Generationen-übergreifend so gut wie immer passt. Ein Beispiel jüngeren Datums: der 2016 veröffentliche Song „Sowieso“ des deutschen Popsängers Mark Forster, wo die Zeile als Refrain auftaucht.

 

Technologiesprünge verändern die Welt

Das Zitat passt auch und sogar besonders gut in die Welt der Wirtschaft und der Unternehmen: Die Geschichte der Ökonomie ist eine Geschichte des Wandels und der Veränderung und sie ist immer mit Technologiesprüngen verbunden. Ob (ganz lange her) die Zähmung des Feuers, (sehr lange her) die Erfindung des Buchdrucks und (ziemlich lange her) der Dampfmaschine oder (gerade in vollem Gange) die Digitalisierung: Technologiesprünge verändern die Welt – und zwar unabhängig davon, ob die Betroffenen das gut finden oder nicht und ob sie sich daran beteiligen, abwarten oder ob sie sich verweigern. Entweder, man gehört zu denen, die verändern oder man ist einer von denen, die verändert werden. Oder, um noch einen Spruch aus der Beliebte-Zitate-Rubrik anzubringen: „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“.

 

Ende der Sprach-Exkursion.

 

Andreas Moser ist Experte für Veränderung in Unternehmen: Der Gründer und geschäftsführende Partner der im schweizerischen Bonstetten bei Zürich ansässigen Unternehmensberatung am4change GmbH unterstützt grosse und kleinere Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Change Management unter anderem bei Digitalisierungsprozessen. Aber warum brauchen Unternehmen heute überhaupt externe Beratung, wenn es um die Bewältigung des digitalen Wandels, um die aktive Gestaltung damit zusammenhängender Veränderungsprozesse geht, warum ist die Digitalisierung heute schwieriger zu bewältigen als zum Beispiel die Globalisierung vor 25 Jahren? „Die Dynamik und die Geschwindigkeit des Wandels und damit der Veränderungsdruck sind heute viel höher als damals“, sagt Moser. „Von der Digitalisierung sind ausnahmslos alle betroffen, egal wie gross sie sind, egal, ob sie sich auf lokalen oder auf internationalen Märkten betätigen und egal, welcher Branche sie angehören.“

 

Intuition und Dialog

Anders als viele andere Unternehmensberater, die sich auf die Anpassung digitalisierter Geschäftsmodelle, die Entwicklung neuer digitaler Produkte und Dienstleistungen oder die Digitalisierung von Geschäftsprozessen, wie Lieferketten oder Kundenmanagement, spezialisiert haben, sieht Moser seine Rolle eher übergeordnet: „Wir sind nicht diejenigen, die zum Beispiel analoge in digitale Prozesse transferieren, wir begleiten die damit verbundenen Veränderungsprozesse bei den Menschen in den Organisationen – wir sind Moderator oder Sparringspartner, Architekt, Initiator oder Dirigent – nicht nur für das Management, sondern für die gesamte Belegschaft eines Unternehmens.“ Moser hilft dabei, Antworten auf ganz unterschiedliche Fragen zu finden, die sich im Zuge der Digitalisierung stellen: „Was heisst das für die Menschen im Unternehmen, was bedeutet es für die Kunden, wie und wann geht man was an und wie begleitet man den ganzen Prozess kommunikativ, damit niemand auf der Strecke bleibt.“

 

Kurz ein Blick zurück: Die letzte Kolumne über die Zukunft der Beratung befasste sich (wie schon oben erwähnt) mit dem Thema Agilität. Zwei der Grundvoraussetzungen dabei seien eine weitgehende Aufhebung bestehender Strukturen und Hierarchien einerseits und eine gänzlich andere Fehlerkultur andererseits, fordert der dort zitierte Unternehmensberater. Hierarchien müssten fallen, niemand mehr sollte Angst davor haben, Fehler zu machen, so seine zugespitzte Forderung. Nur so könne die in jeder Belegschaft schlummernde aber häufig verschüttete Kreativität freigesetzt werden. „Wir sehen das etwas anders“, untertreibt Moser. „Wer am Anfang des Digitalisierungsprozesses steht, braucht zuerst einmal Intuition und Dialog, um Kreativität frei zu setzen und um bei einem allgemeinen Brainstorming eine möglichst grosse Ideensammlung hervorzubringen. Das hat mit Hierarchien erst einmal wenig zu tun.“

 

Hört man Moser weiter zu, könnte man sogar sagen: im Gegenteil. „Auch Change Management braucht Hierarchien. Der Chef soll eine Plattform für Kreativität schaffen – aber die Entscheidung, was aus der daraus entstandenen Ideensammlung letztlich wann realisiert werden soll, die bleibt beim Top Manangement.“ Konkret heisst das: „Als erstes muss eine interaktive Web-Plattform aufgesetzt werden, also eine digitale Ideenbörse. Im zweiten Schritt braucht die Ideensammlung eine Priorisierung, damit aus der Sammlung ein konkreter Plan werden kann. Bei der Priorisierung steht das Führungsteam in der zentralen Verantwortung. Im dritten Schritt wird das Change Management analog: Der Plan muss bei vielen realen Zusammenkünften allen Mitarbeitern erklärt und besprochen werden, damit bei der Umsetzung tatsächlich alle an einem Strang ziehen.“

 

Nicht nur dem Bauchgefühl folgen

Mosers Ziel: „Wir müssen die Menschen sensibilisieren, Fragen stellen, die Menschen bewegen, Impulse für Ideen geben und gleichzeitig den Beteiligten dabei helfen, ein Gefühl zu entwickeln für das, was machbar ist.“ Was sich je nach Teilnehmerkreis einfacher anhört als es ist. „Entscheidend ist, Ängste vor Veränderung abzubauen, die Menschen dazu zu bringen, nicht nur ihrem Bauchgefühl zu folgen, wenn es um neue Ideen geht.“ Und was, wenn die Menschen sich verweigern? Dann kann Moser auch mal hart werden: „Wer glaubt, er sei allwissend, passt nicht mehr in die Zeit. Verweigerern muss klar gemacht werden, dass sie mit ihrer Sturheit die eigene Zukunft aufs Spiel setzen.“

 

Moser nennt seine Vorgehensweise treffenderweise „kaskadenartige Seelenmassage“, massiert wird von oben nach unten: „Zuerst muss das Top-Management sensibilisiert werden, dann schaffen wir klassische Führungswerkstätten, um den Mittelbau zu überzeugen, im dritten Schritt werden der Plan und dessen einzelne Schritte an die Mitarbeiter kommuniziert.“ Um bei diesem langwierigen Prozess Kreativität zu ermöglichen, braucht es Transparenz und Geduld: „Solche Projekte dauern schon mal drei Jahre und mehr“, sagt Moser.

 

Soviel Zeit haben nicht alle, vor allem bei börsennotierten Unternehmen drängen die Investoren auf schnellere Veränderungen. „Unsere Kunden stammen darum vorrangig aus der genossenschaftlichen Welt – deren Denkweise passt besser zu uns als die vom Kapitalmarkt abhängigen Konzerne“, sagt Moser. Beraten hat er zum Beispiel Versorgungskassen aus der Schweiz, Raiffeisenbanken oder auch genossenschaftliche Versicherungen in Deutschland. Gerade die Versicherungsbranche, aber auch Unternehmen des Gesundheitssektors haben nach Mosers Einschätzung im Moment einen hohen Beratungsbedarf, weil sie oft noch am Anfang des Digitalisierungsprozesses stehen.

 

Sein Verhältnis zu den grossen Beratungen sieht er deutlich entspannter als viele andere kleine oder mittlere Beratungsspezialisten. „Die grossen Consultinghäuser sind zwar auch dabei, den systemischen Ansatz, wie wir ihn verfolgen, in ihre Beratungsprozesse zu integrieren, aber in der Regel ergänzen wir uns – McKinsey macht die Strategie, wir die Umsetzung.“

 

Quintessenzen
  • (Digitale) Transformation erfordert Kreativität
  • Nicht Agilität, sondern Intuition und Dialog durch Change Management ist notwendig, um Kreativität freizusetzen
  • Erfolgreiche Innovation braucht Hierarchien und „kaskadenartiges Top-Down“ Change Management
  • Modernes Change Management erfolgt heute digital und analog.

 

BUZZWORDS: Change Agilität Digital Transformation